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Wie in einem Zoo fühlten sich die trauernden Schüler aus Haltern, so aufdringlich wurden sie von Reportern belagert. Und die berichteten auch, wenn es gar nichts Neues zu berichten gab. Der Publizist Albrecht von Lucke erkennt darin ein wiederkehrendes Medien-Ritual – und er benennt auch die Gründe, warum wir es nicht zum letzten Mal erlebt haben.

Nachbar: „Er wirkte immer sehr höflich. Er hat auch schon gegrüßt…“
Reporter: „Und die Familie, ja, Sie wohnen ja genau daneben, wie ist denn die Familie so?“
Nachbar: „Auch nie Genaues mitbekommen.“

„Bild.de“ war einmal mehr mit unter den Schnellsten beim so genannten Witwenschütteln. So wird in der Medienbranche die rücksichtslose Jagd nach Informationen und Bildern aus dem nächsten Umfeld von Tätern und Opfern von Katastrophen oder Straftaten genannt. Aber „Bild“ war und ist auch diesmal nicht allein. Ein internationales Heer von Berichterstattern fiel in den letzten Tagen in den  französischen Alpen ein. Es sammelte sich vor dem Düsseldorfer Flughafen und belagerte ein Gymnasium in Haltern am See. Dort soll unter anderem ein ausländisches Fernsehteam Schülern Geld geboten haben, um an Handyaufnahmen von der nichtöffentlichen Trauerfeier zu kommen.

Wie in einem Zoo hätten sie sich gefühlt, obwohl sie doch nur in Ruhe trauern wollten, schreiben Halterner Jugendliche auf Facebook. Und nun befindet sich die Medienmeute in der Heimatstadt des Co-Piloten und mutmaßlichen Selbstmörders in Montabaur, wo kurz nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe der Verkehr zusammenbrach. Und während seine Angehörigen – vielleicht noch ahnungslos – auf dem Weg nach Frankreich waren, war die mediale Jagd in der Heimat auf sie und ihren Sohn schon frei gegeben.

Regelmäßig wiederkehrendes Medienritual

Die New York Times war eine der ersten Zeitungen, die seinen Namen vollständig nannten und sein Bild veröffentlichten. Die Begründung der Redaktionen: Die Opfer und die Öffentlichkeit hätten ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst habe. Ob der Täter, wenn er denn wirklich psychisch krank war, nicht auch ein Opfer ist, bleibt bei dieser Argumentation außen vor – ob er nun eine Person der Zeitgeschichte geworden ist oder nicht. Der Publizist Albrecht von Lucke erkennt in der aktuellen Berichterstattung ein regelmäßig wiederkehrendes Medienritual. In der SWR-Sendung Forum sagte er:

„Am ersten Tag ist das große Bild – in allen Zeitungen übrigens – das große Bild der Wüste des zerschellten Flugzeuges. Am zweiten Tag geht sofort die Suche los, dieses Bild wird mit individuellen Geschichten ausgestattet, weil man genau weiß, das ist das, was die durchaus sensations- oder aufmerksamkeitsbedürftige Bevölkerung auch ersehnt, sie möchte wissen, welche Geschichten sich hinter der Sache verbergen, und das war am zweiten Tag übertitelt mit „Warum“ und jetzt kam die eigentliche und das machte die Sache, finde ich, ein stückweit wirklich obszön, der umfallende Moment, und es ist bemerkenswert: die Bild-Zeitung hatte am zweiten Tag ein großes „Warum“ als Schlagzeile, dass am dritten Tag gewissermaßen das Opfer präsentiert wurde, es wurde gewissermaßen in diese Sehnsucht nach dem Täter genau dieser geliefert.“

Auch die Medien sind längst auf der Anklagebank

Wobei aber, so Albrecht von Lucke weiter, völlig außer Acht gelassen werde

„…dass man in dem Augenblick, wo man den Mann mit Klarnamen präsentiert, die Eltern dieses Opfers nochmal zu Opfern macht, indem man sie quasi ausstellt als Eltern dieser Bestie.“wordpress2

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